Prolog Sonnenschatten

Prolog

wie alles begann…

In einer Blockhütte unweit des Dorfes Arinsor aßen der Holzfäller Agyron, seine Frau Issia und ihre zwei kleinen Kinder zu Abend. Die Sonne war bereits vor Stunden un-tergegangen und stille Dunkelheit verschlang den umlie-genden Wald. Nach dem langen Arbeitstag waren sie alle müde. So wurde nicht gesprochen, sondern zufrieden beim flackernden Schein einer kleinen, goldenen Laterne gegessen.
Schaurig erhellten zwei nahe Blitze das Innere der Hüt-te. Agyron und Issia blickten sich an und warteten. Kein Donner war zu hören.
Zahlreiche weitere Irrlichter beleuchten die Familie und ihre langsam bleich werdenden Gesichter. Der fehlende Donner und die darauf folgenden Blitze, deren Schatten-spiel durch den Raum geisterte, befreiten Agyron aus sei-ner Starre und er sprach leise: »Sie kommen.«
»Kinder, holt die zwei Rucksäcke, die ihr jeden Morgen packen müsst und seht auch nach, ob ihr das Märchen-buch, aus dem wir euch immer vorlesen, nicht vergessen habt.«
Agyron sprang auf, rannte zu dem einzigen Regal im Zimmer, das über und über mit Büchern beladen war und schob es ächzend zur Seite.
Die Kinder standen verängstigt und verloren in der Mitte des Raumes. Das Mädchen hielt einen kleinen Bo-gen in der Hand, der Junge eine kleine Schatulle.
Issia beugte sich zu ihnen hinab, umarmte sie und sprach leise: »Wir haben keine Zeit für Erklärungen. Vater wird euch die Tür hinter dem Regal öffnen und dann lauft ihr so schnell wie ihr nur könnt in den Wald. Wir kom-men später nach.«
Auch Agyron umarmte die zwei kurz: »Tochter, pass auf deinen kleinen Bruder auf. Lauft so lange ihr könnt! Wenn die Sonne aufgeht, versteckt euch bis es wieder dunkel ist und dann eilt ihr weiter. Lauft nie in der Nacht ohne auf eure Umgebung zu achten und kehrt nicht zu-rück!«
Eilig öffnete er die versteckte Tür, die direkt in den an-grenzenden Wald hinter dem Haus führte. Nun da die Tür geöffnet war, mischten sich ferne Schreie in die Stille des dunklen Waldes.
»Kinder, alles wird gut. Passt auf euch auf und verliert das Buch nicht.« Agyron zog zwei kleine Messer. »Hier, vielleicht werdet ihr die brauchen. Schnell jetzt, lauft! Und blickt nicht zurück!«
Schon rannten die Kinder, zu verängstigt um noch zu sprechen, in den Wald hinein. Agyron schloss die Tür, schob das schwere Bücherregal davor und setzte sich wie-der an den Esstisch.
Issia holte einen weiteren Teller mit Essen, die einzige Flasche Wein, die sie besaßen und füllte zwei Gläser. Still tranken sie den Wein, das Essen blieb unangetastet.
»Hoffentlich hat niemand die Hintertür beobachtet.«
»Sie sind noch so jung, aber ich hoffe, dass sie es gut haben werden.«
Plötzlich wurde die schwere Holztür mit einem lauten Schlag aus den Angeln gerissen und quer durch den Raum geschleudert.
»Wo?«, wisperte es aus der Dunkelheit vor dem Haus.
Die zwei antworteten nicht und würdigten den im Dunklen stehenden Sprecher keines Blickes.

Bereits nach kurzer Zeit hatten die zwei Kinder das Haus hinter sich gelassen und waren zwischen den Bäumen ver-schwunden. Ab und an tauchte ein Blitz die umliegenden Bäume in flackerndes Licht. Je weiter die Kinder liefen, desto leiser wurden auch die fernen Schreie, bis sie schließlich abrupt verstummten und nichts mehr außer den Geräuschen des Waldes zu hören waren.
Nachdem sie eine Weile gelaufen waren, blieben sie kurz stehen, um durchzuatmen.
»Sasa, meine Füße tun weh und der Rucksack ist un-glaublich schwer.«
»Janus, du hast doch unsere Eltern gehört, wir sollen so lange laufen bis es hell wird, dann erst dürfen wir ras-ten. Komm, ein wenig laufen wir noch. Vielleicht sehen wir ja eines der Rehe, die du so gerne beobachtest.«
Schnell liefen sie weiter, Stunde um Stunde, bis endlich der Tag nahte und sie erschöpft auf den Boden sackten.
»Jetzt suchen wir uns noch schnell ein Versteck und dann können wir ein wenig schlafen.«
Nach einer Weile fanden sie einen umgestürzten Baum, dessen Astgeflecht ein gutes Versteck bot. »Wenn wir ein paar Äste zur Seite schieben, haben wir genug Platz und sind vor Wind und Blicken geschützt.«
»Warum müssen wir hier im Wald schlafen und dürfen nicht nach Hause? Ich würde viel lieber in meinem war-men Bett schlafen.«
»Das weiß ich leider nicht. Schließ einfach die Augen, ich werde dir aus unserem Märchenbuch vorlesen.«
Während sie die wohlbekannten Zeilen las, fielen den beiden langsam die Augen zu, bis sie erschöpft einschlie-fen.

Als die Kinder erwachten, ging bereits die Sonne unter. Hungrig öffneten sie ihre Rucksäcke, holten Speck und Brot hervor, aßen sich richtig satt und tranken Wasser aus ihren Trinkflaschen.
»Kleiner, lass uns weiterlaufen! Wenn du einen Bach hörst, sag es mir, dort können wir unsere Wasservorräte auffüllen.«
Ausgeruht machten sie sich auf den Weg und blickten nicht zurück.
Als das Ende der Nacht nahte, erreichten sie einen Hügel. »Lass uns noch hinaufgehen, vielleicht ist er hoch genug und wir sehen, wo wir uns befinden. In diesem Teil des Waldes war ich noch nie und ich würde gerne mehr sehen als die Bäume um uns herum.«
Langsam erklommen sie den Hügel.
Oben angekommen war es längst hell geworden und so standen sie in hellem Sonnenlicht auf einem kahlen Hügel und blickten um sich.
»Sieh mal dort hinten, wo der Rauch aufsteigt, das könnte doch unser Dorf sein, glaubst du Mama kocht gerade einen warmen Brei?«
»Das kann sein, aber wir sollen nicht dorthin zurück, also lass uns besser in die andere Richtung blicken.«
Nicht weit entfernt sahen sie einen Fluss, der seine Bahn durch den Wald zog.
»Wenn wir wieder wach sind, gehen wir als erstes zu dem Bach, vielleicht gibt es dort Fische. Wer weiß, wie lange wir noch in diesem Wald sind, da wäre es doch gut, wenn wir unsere Vorräten gut einteilten.«
Zu müde, um nach dem Essen noch einen Unter-schlupf zu suchen, lehnten sie sich einfach an einen Baumstamm und schliefen schnell ein.

Es war bereits dunkel, als sie erwachten. »Wir haben zu lange geschlafen und uns nicht versteckt. Komm, lass uns zum Fluss laufen.«
Plötzlich erhellte ein ferner Blitz den Hügel, auf dem sie standen. Beide Kinder erstarrten.
»Kein Donner.«
Ein weiterer Blitz, dieses Mal näher, erhellte ihre Ge-sichter. Minuten vergingen.
»Wieder kein Donner.«
»Ich habe Angst, lass uns von hier verschwinden und zwar schnell, sehr schnell!«

Ohne Pause liefen sie bis zum nächsten Morgengrauen und versteckten sich beim ersten Licht unter alten Zwei-gen.
Sanfte Sonnenstrahlen fielen durch das Dickicht, wäh-rend die Geschwister eng zusammenrückten und sich an-einander lehnten.
»Sasa, ich habe Angst. Mir gefällt es hier nicht, ich will nach Hause. Lass uns umdrehen. Zuhause gibt es jetzt sicher einen guten, warmen Frühstücksbrei. Danach könn-ten wir mit Papa in den Wald gehen und vielleicht ein paar Beeren oder Nüsse sammeln.«
»Wir kommen sicher bald wohin, wo wir warmen Frühstücksbrei bekommen. Aber wir dürfen nicht zurück-gehen.«
Um ihren kleinen Bruder und sich selbst zu beruhigen, begann das kleine Mädchen leise vorzulesen: »… während der alte Mann die Teile suchte, sang er:

  • »Ob Tag, ob Nacht,
  • Ob Mond, ob Sonne,
  • unbedacht erwacht,
  • ist Reisen gefährlich‘ Wonne.
  • Geschrieben, geborgt,
  • gelesen, besorgt.
  • Entdeckt, zerrissen,
  • versteckt, gerissen.«

Da dies ihr Lieblingsgedicht war, das sie es schon seit Jah-ren auswendig konnte, legte sie das Buch zur Seite, schloss die Augen und sprach es zu Ende:

  • »Die Erde den Feuerball
  • dreihundert Mal umkreist,
  • wird dorthin gereist,
  • hinaus über der Grenzen Wall.
  • Offen, geschlossen,
  • gesucht, gehofft.
  • Versucht, erträumt,
  • gefunden, verbunden.«

Als sie ihre Augen wieder öffnete, war alles, was sie sehen konnte, trüb und verschwommen. Verwirrt blickte sie zu ihrem schlafenden Bruder und sah, wie sich gräulich rote Nebelschwaden um ihn herum und zwischen ihnen auf-bauten. Der Nebel wurde immer dichter, bis ihr Bruder vollständig eingehüllt war.
Nur für einen kurzen Moment leuchteten der Himmel, die Erde, die Sonne, ja selbst die Luft schimmerte rot. Und auf einmal war alles wieder vorbei.
Das Tageslicht kehrte zu seiner ursprünglichen Fär-bung zurück, der Nebel befand sich nicht mehr zwischen ihnen und ihr Bruder war verschwunden. Verzweifelt blickte sie sich um und erkannte, dass sie allein war. Mit einem Mal fühlte sie sich unglaublich müde, ihre Augenlie-der flatterten, sie kippte zitternd zur Seite und schlug ohnmächtig auf dem Boden auf.

Mehr dazu: Sonnenschatten – Die Chroniken von Ereos 1

Zur Landkarte: Die Landkarte von Ereos

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